Keine Übertreibung: 1001 Burgen und Schlösser im Dordogne-Tal
Was haben der legendenumwobene englische König Richard Löwenherz und die aus den USA stammende Burlesque-Tänzerin Josephine Baker mit Bananenröckchen gemeinsam? Die Sprache ist es nicht; Löwenherz sprach kein Wort Englisch. Doch den beiden gehörten zwei der schönsten Burgen an der Dordogne. Bei Ersterem war es ausgangs des 12. Jahrhunderts die Burg Beynac. Unweit davon gehörte das Château Les Milandes bis 1969 der schlagzeilenträchtigen Josephine. Das Prädikat „Schönste Burg“ ist im Dordogne-Tal nicht leicht zu verdienen: Hier finden sich heute noch über 1000 Wehrbauten aus rund 1000 Jahren. Da Reisen zu diesen Pracht-, Macht- und Kriegsbauten momentan schwierig sind, laden die „Secrets of Dordogne“ zu einer virtuellen Reise an drei Orte ein.
Château Les Milandes – Anfang und Ende eines Traums
| Josephine Baker in Bananenröckchen aus der Folies-Bergère-Produktion „Un Vent de Folie“ 1927. Fotograf: Lucien Walery |
1947 kaufte sie das über 20 Hektar große Schlossanwesen. Ein Scheinparadies entstand, eine Art Jo-Baker-Erlebnispark mit Wachsfiguren-Kabinett, Jet-Set-Partys, Luxushotel. 300.000 Besucher soll der Park mit Jo-Baker-Showbühne pro Saison angelockt haben. 120 Angestellte hielten die Schöne-Schein-Welt am Laufen, bis die Ausgaben die Einnahmen auffraßen.
| Josephine Baker 1961 auf Schloss Les Milandes. Foto: Jack de Nijs/Anefo/CC0 |
An der Burg Beynac hing ein Löwenherz
Kaum fertig bemächtigte sich 1194 der 37-jährige englische König Richard Löwenherz in seiner Eigenschaft als Herzog von Aquitanien der Burg. Diese „Doppelfunktion“ ergab sich, weil seine Mutter Eleonore von Aquitanien den englischen König Heinrich II. geheiratet hatte. Damit gerieten große Teile des heutigen Westfrankreichs automatisch in englischen Besitz. Obwohl in Oxford geboren, wuchs Richard unter der Obhut seiner Mutter in ihrer alten Heimat auf. Seine Muttersprache wurde Okzitanisch, eine noch heute gesprochene romanische Sprache, und er lernte Nordfranzösisch, aber kein Englisch. Wozu auch, denn in seinem zehnjährigen Königtum hielt sich Richard – wie britische Historiker errechneten – höchstens sechs Monate in England auf. Er ging auf Kreuzzug, eroberte Zypern, schlug Schlachten im „Heiligen Land“, raufte mit europäischen Adelshäusern und sicherte den Familieneinfluss in Frankreich. Richard wurde 1199 in einem Streit tödlich verwundet; die Burg Beynac blieb Jahrhunderte Zankapfel zwischen Engländern und Franzosen.
Im Zug der Französischen Revolution blieb das Chateau ab 1798 unbewohnt, bis es 1961 sein heutiger Besitzer erwarb. 1999 diente die Burg als imposante Kulisse für die Verfilmung der Geschichte der Johanna von Orléans durch den französischen Filmregisseur Luc Besson.
Schloss Marqueyssac und seine hängenden Gärten
Weil sich all das 130 Meter über dem Fluss abspielt, erhielten die Gärten den Beinamen „Die hängende Gärten von Marqueyssac“. Diesen Vergleich verträgt die liebevoll gepflegte Anlage mit den Hängenden Gärten der Semiramis in Babylon, eines der Sieben Weltwunder. Die Franzosen bezeichnen einen Besuch auf Marqueyssac als „incontournable“, die Engländer „must have seen“, die Deutschen sind noch knackiger: ein „Muss“.




