Freitag, 4. Dezember 2020

Schokoladenmanufaktur mit der Lizenz zum Naschen

Aus Duras kommt süßer Stoff für schöne und bittere Zeiten

Von 33350 Flaujagues nach 47120 Duras: 26 km, 27 min.

Franzosen gelten als Feinschmecker, das gilt für Herzhaftes genauso wie für Süßes und erst recht für Schokolade. In Duras produziert eine Chocolaterie, also eine Schokoladenmanufaktur, der besonderen Art edle Naschereien, die nicht nur Franzosen schmecken, auch mir, Arabern in Dubai und Hongkong-Chinesen. Bis in diese Länder werden schokolierte Edelpflaumen und mit Pistazienmus gefüllte Katzenzungen und vieles mehr exportiert.

Die kleine Manufaktur (hier geht’s zur Webseite), die saisonal bis zu 50 Mitarbeiter hat, beschäftigt nach dem bunten Mix ihrer internationalen Zutaten viele Ausländer. Die 30 Produktionsmitarbeiter – zu über 80 Prozent Frauen – kommen aus sechs Ländern von drei Kontinenten, darunter eine Deutsche.

Alles begann mit den berühmten Pflaumen von Agen (pruneaux d‘Agen), eine besonders schmackhafte, mild-süße Frucht. 1946 legte der Pflaumenmakler Pierre Guinguet den Grundstein für das Familienunternehmen. An die 30 Jahre später trat sein Sohn Jean in seine Fußstapfen und lenkte die Firma in die heutigen Bahnen. 1979 kaufte er eine kleine Schokoladenfirma auf und verlegte sie kurzerhand nach Duras. 

Immer ausgefeilter, ausgefallener, verführerischer wurde das Angebot. Dunkel und weiß schokolierte Edelpflaumen, dragierte Rosinen, die in Sauternes-Wein aromatisiert wurden, Kreationen mit Pistazien, Mandeln, Haselnüssen, Ingwer-Stangen und Orangen-Scheiben. Ungewöhnliche Schokoladensorten kommen zum Einsatz: Das Schwarze Gold, das es sortenrein als Täfelchen gibt, stammt aus Vietnam, Papua-Neuguinea, Madagaskar und Ecuador.

Beim Werksverkauf war in „normalen“ Zeiten Naschen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Covid-19 ist derzeit die Bittermandel in diesem Schlaraffenland, denn aus hygienischen Gründen ist das „wilde“ Kosten derzeit nicht möglich. Ein Firmenrundgang bietet eine
Alternative. Für fünf Euro pro Person durchlaufen Grüppchen von Leckermäulern einen Bereich mit gläsernen Trennwänden und schauen den Mitarbeitern bei echter Handarbeit zu. An jeder Station gibt es eine Kostprobe. Der Obolus ist gut angelegtes Geld: Auf das Rundgangsticket gibt es im Firmenshop zehn Prozent Rabatt.

Als 2017 der Firmenpatriarch im Alter von 78 Jahren seinen Job endlich an den Nagel hängen wollte, fehlte ein Nachfolger. Seine Firma verzeichnete zuletzt sechs Millionen Euro Jahresumsatz. So kam es zum Verkauf, der sich bisher als Glücksfall erweist. Die Firmengruppe Fabrila griff zu, spezialisiert auf Nischenprodukte aus dem Luxussegment der Nahrungsmittel. 2019 erfolgte eine für Naschkatzen wichtige Kurskorrektur: Die Schokolade erhielt die Kapitänsmütze, neuer Kurs: Paris und Export, wo arabische Emirate und Hongkong den Anfang machten. Internetbestellungen werden auch nach Deutschland geliefert. (Text/Fotos: kuhrhaus)


Dienstag, 15. September 2020

Saint Émilion – Nabel der Weinwelt liegt im Südwesten

Weinlese startet ohne Volksfest

Von Flaujagues nach Saint Émilion: 19 Kilometer, 25 Minuten

Hier geht's zur in den Fels
gehauenen Kirche; darüber
erhöht sich der gewaltige
Glockenturm.

Das südwestfranzösische Saint Émilion fällt als Hauptstadt etwas aus dem Rahmen. Hauptstädte sind oft Millionenstädte mit Wolkenkratzern, riesigen Stadien und Theatern. Damit kann der 1900-Einwohner-Ort Saint Émilion 30 Kilometer vor den Toren von Bordeaux nicht aufwarten. Sein Aushängeschild sind Weine der Superlative. Die Unesco krönte 1999 den Ort mit dem ersten Welterbetitel für ein Weinbaugebiet. Hier geht’s zum Stadtplan.

Die aktuelle Ernte läuft gerade an. 2020 muss sie wegen Corona ohne die überlieferte Zeremonie der Weinbruderschaft (Jurade) für die traditionelle Genehmigung und Segnung der Weinlese auskommen. Doch dem Wein geht es gut. Der heiße, trockene Sommer nährt erneut die Hoffnung auf einen Jahrgang großer Weine.

800 Weingüter drängen sich auf engstem Raum

Saint Émilion ist gut 1000 Jahre alt und gilt seit Langem als Hauptstadt der Bordeaux-Weine höchster Güte, die sich mit dem Siegel „Grand Cru Classé“ schmücken. Weinliebhaber weltweit schauen auf das uralte Anbaugebiet, auf dem sich heute 800 Weingüter („Chateau“) auf 7850 Hektar tummeln. Sie teilen sich die Appellationen „Saint Émilion“ und „Saint Émilion Grand Cru“.

Üblicherweise wird die Weinlese am dritten Samstag im September in einem volksfestartigen Akt von

Auf 7850 Hektar Land wächst das purpurote Gold: die Spitzenweine
von Saint Émilion.
der Jurade eröffnet. Diese Körperschaft hat ihre Wurzeln in einem aus der englischen Herrschaftszeit des Mittelalters herrührenden Stadtrat. Er durfte die Region selbst verwalten und er durfte Recht sprechen. In der Neuzeit erlebte die Jurade von Saint Émilion eine Renaissance als einflussreiches Organ von Wächtern über den Wein und seine Qualität. Die 54 Frauen und Männer in roten Roben, die ihre Vorbilder in der Amtstracht von Richtern jener fernen Anfangsjahre haben, geben traditionell mit dem Segensspruch „Bon vendange“ und einem „Halleluja“ den Startschuss zur Ernte. Danach ziehen sie im Fackelschein durch die Altstadt, bevor es Feuerwerk, Straßenmusik und Wein gab. Nur 2020 nicht.

Wenn das Kopfsteinpflaster erzählt...

Den Weinbau haben die Römer in diese fruchtbare Region Aquitaniens gebracht. Er machte sich schon im Mittelalter einen Namen und intensivierte sich mit der wachsenden Wein-Nachfrage vor allem aus England. Ein Überbleibsel dessen sei das holprige Kopfsteinpflaster in der Stadt, sagt man. Diese Brocken sollen aus zurückkehrenden leeren Wein-Schiffen stammen. Dort bildeten sie die Tariermasse in den Rümpfen der Kähne.

Namensgeber für den weinseligen Ort war ein wunder- und wohltätiger Mönch aus der Bretagne mit dem Namen Émilion. Ihn hatte es der Legende nach vor gut 1000 Jahren nach Ascumbas – so hieß Saint Émilion in jener Ära – verschlagen, wo er ansässig und bald als Heiliger verehrt wurde.

Das Kloster von Saint Émilion.
Seine vermeintliche Einsiedelei ist bei einem Besuch in der unterirdischen, monolithischen Kirche mitten in der Stadt zu besichtigen. Der ungewöhnliche Bau gehört zum Weltkulturerbe und wurde im 12. Jahrhundert aus dem Sandsteinfels geschlagen. Acht mächtige Säulen von elf Metern Höhe tragen das Kirchenschiff. Überirdisch erhebt sich auf der Kirche ein weithin sichtbarer Glockenturm. Da die privaten Betreiber – ein Ergebnis der Französischen Revolution – keine privaten Fotos zulassen, bietet Youtube einen Blick ins Innere und dazu mit einem Mitglied der Jurade. 

 

Eine Million Besucher pilgern pro Jahr zum Wein
Pilger auf dem Jakobsweg
durchqueren die Stadt.

Etwa eine Million Besucher zählt Saint Émilion jährlich. Die meisten kommen wegen des Weins, doch der Ort profitiert auch von seiner Lage auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Das Tourismusbüro bietet einen deutschsprachigen Auftritt. Das Panorama der Stadt aus weltlichen und kirchlichen Bauten ist beeindruckend und inspirierte die Macher des Videospiels „Vagrant Story“, die ihre Silhouette integrierten.

Weinliebhaber finden im „Maison du Vin“ (Haus des Weins) gleich um die Ecke beimTourismusbüro
das umfangreichste Angebot lokaler Chateaus. Angeboten werden zudem Verkostungen. Individueller geht es in den vielen Weinboutiquen in den Gassen zu. Die Restaurants am Ort bieten zwischen Bistroniveau und gehobener Sternegastronomie alle Gaumenfreuden. (Text und Fotos: kuhrhaus)

Mittwoch, 5. August 2020

Halbinsel Cap Ferret – Goldstück an der Silberküste

Von Flaujagues bis Cap-Ferret 115 km, 1:45 Stunde

Bis an die äußerste Spitze der Landzunge: 132 Kilometer, 2 Stunden

Die Côte d’Argent – die Silberküste am Atlantik hinter Bordeaux bis weit in den Süden – schmücken manche Edelsteine. Einer der schönsten ist das alte Fischerdorf Cap Ferret. Der kleine Ort auf einer langgestreckten Landzunge oberhalb des Beckens von Arcachon ist für Tagesausflüge ein ideales Ziel. Selbst wer regelmäßig hier „anlegt“, merkt, es wird nie langweilig: Cap Ferret ist immer gleich und immer anders. Hier gibt es sie noch, die romantischen Ecken, den 60 Meter hohen Leuchtturm mit Aussichtsplattform, Geschäfte und Cafés und es gibt die urwüchsige Natur.

Die raue See des Atlantiks im Golf von Biskaya arbeitet unablässig an diesem Flecken Erde, als wenn sich das Meer noch nicht über die endgültige Gestalt der Halbinsel schlüssig wäre. Die Dünenlandschaft, die erst vor 3000 Jahren entstand, schiebt sich zwischen Ozean und das malerische Becken von Arcachon. Meer und Wind halten den Sand in Bewegung – sie spülen ihn trotz Wellenbrecher an oder – wie jüngst – tragen sie ihn bis an die Uferböschungen ab. Garniert wird das neue Landschaftsdesign mit dem Treibgut aller Zeiten. Etwas Besonderes ist der Sand: Er ist durchsetzt mit feinsten Partikeln pulverisierter Perlmuttmuscheln, was den Strand in der Abendsonne silbern schimmern lässt und für den Namen Côte d’Argent sorgte. Am Ufer vis-à-vis vom Cap türmt sich aus diesem „Stoff“ Europas höchste Wanderdüne auf. Die „Dune de Pilat“ erreicht eine Höhe von bis zu 110 Meter und ist mehrere Kilometer lang.

Cap Ferret ist der perfekte Ort zum Entspannen: Seele baumeln lassen, baden, wandern am schier endlosen Strand, angeln oder Angler beobachten, surfen oder Surfern zuschauen, Muscheln und Schwemmholz sammeln – am liebsten fantasievoll verformte Weinrebstöcke – sowie schlemmen in vielen kleinen Strandrestaurationen bei frischen Austern, Meeresfrüchten und Wein.

Auf einem Strandabschnitt gen Norden finden sich viele ehemalige Bunker des alten Atlantikwalls der deutschen Wehrmacht. Meer, Wasser und Wind haben sie wie überdimensionale Bauklötze durcheinandergewürfelt. Zuletzt dienten die glatten Betonflächen Sprayern nur noch als Großprojektionsflächen. Die beiden Winter 2017/2018 und 2018/2019 versenkten das gros der Betonklötze, so dass mitunter nur noch ihre Dachflächen aus dem Ufersand ragen. Zu solchen Spaziergängen sollten immer eine paar Flaschen Wasser und eine starke Sonnenschutzcreme im Wanderrucksack sein.







Das Kontrastprogramm zum urigen Atlantik ist das ruhigere Becken von Arcachon. Es ist Naherholungszentrum für die Einwohner von Bordeaux. Die Autobahn in dieses Paradies ist deshalb mautfreit. Boote bieten Rundfahrten in der 155 Quadratkilometer großen Bucht – vorbei an einer großen Vogelinsel, ein geschütztes Eldorado für Wandervögel. Die Pfahlbauten sind nur noch Kulisse, früher boten sie Fischern Obdach. Vor gut 150 Jahren nahm die Muschelzucht einen enormen Aufschwung. Austernbänke tauchen bei jeder Ebbe aus dem Nass auf, um bei Flut erneut zu verschwinden.

Der Appetit kommt bei einer Strandwanderung in würziger Salzluft von ganz allein. Eine liebevoll-chaotische Erlebnisgastronomie hat sich im nahen Ortsteil L’Herbe etabliert. Sie ist in einem urigen Uferviertel in die Holzhütten der Austernfischer eingezogen. Die Gäste sitzen auf überdachten Terrassen an rustikalen Tischen. Sie können Badegästen und Fischern zuschauen und dabei Austern und andere Meeresfrüchte bei einem Glas gut gekühlten Weißwein verzehren.

Übrigens: Der Name Cap Ferret kommt aus der gaskognischen Sprache und bedeutet „eiserne Spitze“. Diese regionale Sprache gibt es bis heute. Einer ihrer berühmtesten Sprecher war der legendäre Musketier d’Artagnan. Der reale Haudegen stammte aus der Region Gascogne in Südwestfrankreich, wo sein väterliches Mini-Schloss Castelmore bis heute existiert. (Text und Fotos: kuhrhaus)