Montag, 25. November 2019

Surfer lieben Mascaret - Die Gezeitenwelle auf der Dordogne


Wellenreiter in Port Saint Pardon/Vayres
Fotos (5): © Kuhrhaus
Von Flaujagues bis 33870 Port Saint Pardon/ Vayres:  39 Kilometer, 45 min

Etwa 100 Kilometer landein, also weit ab vom Meer, sorgt die Flut an der französischen Atlantikküste für ein besonderes Surf-Ereignis. Stehen Mond, Wind und Meeresspiegel günstig, verursachen die drei mit ihren Naturkräften einen extra hohen Tidenhub und dadurch eine beachtliche Gezeitenwelle weit im Inland. Das Schauspiel heißt französisch „mascaret“ und ist an gut 50 Tagen im Jahr Magnet für Surfer aus nah und fern, die das Besondere suchen.

Erst in Port Saint Pardon, einem Ortsteil von Vayres nahe Bordeaux, bäumen sich die Flutausläufer und das meerwärts strömende Wasser der Dordogne bis zu 1,40 Meter hohen Wellen auf, über etwa 3000 Meter reißen die brackigen Wellen die Surfer mit sich und tragen sie mit einer Geschwindigkeit von bis zu 20 Stundenkilometern stromauf.

Ein Mascaret-Kalender zum Wellenreiten

Mascarets gibt es weltweit nur an gut 60 Stellen, weiß Wikipedia. In Frankreich gilt Port Saint Pardon als Nonplusultra für dieses Phänomen. Die Gemeinde Vayres pflegt deshalb online auch für 2020 extra einen Mascaret-Kalender. Er nennt Datum, Ereigniszeit und einen Stärke-Koeffizienten. Je höher der Wert desto mächtiger die Welle. Dann sind die meisten Surfer und Schaulustigen vor Ort und die Parkplätze besonders knapp. Eine Gezeitenwelle wird erst ab einem Wert von 85 als Mascaret geführt. Im Jahr 2019 lag der Höchstwert bisher bei 116.

Wir waren am 28. September dabei. Der Kalender kündigte den Mascaret für 16.45 Uhr an. Die Wellen sind pünktlich, Abweichungen gibt es höchstens von ± 10 Minuten: Wie die Flut zweimal täglich auftritt, rollt auch ein Mascaret im Doppel an einem Tag heran. Der Stärke-Wert für die „Nachmittagsshow“ lag bei 108. Olala, pas mal – nicht übel. Alles, was ein Surfbrett hat, paddelt emsig der Welle entgegen, die pünktlich heranrauscht.

Pillepalle sind Gezeitenwellen nicht

Von einem Moment zum anderen verwandelt sich die spiegelnde Wasseroberfläche der Dordogne in ein überdimensionales Waschbrett aus Wellenbergen. Wer kann, surft mit. Lautstark empfängt der Pulk der Zuschauer die Surfer. Pillepalle sei der Ritt nicht, erzählen selbst erfahrene Wellenreiter. Er habe eigene Gesetze. Gefühlt jeder zweite der über 80 Surfer an diesem Nachmittag verliert den Anschluss oder landet gleich im Wasser. C’est la vie. Die Stimmung drückt das nicht, kurbelt aber das Fachsimpeln an.

Lust bekommen? Die Mascarets sind am größten bei den hohen Fluten im Spätsommer und frühen Herbst. Zu dieser Zeit führt die Dordogne oft relativ wenig Wasser, was Höhe und Wucht der Gezeitenwelle begünstigt. Und selbst an Vollmond-Surfen für die „Hiboux“, die Nachteulen, ist gedacht. Im September feiert Port Saint Pardon zudem die „Fête du mascaret“. (Kuhrhaus)

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