Donnerstag, 16. April 2020

Lebenslust per Videokonferenz

Unternehmen tun es, Verwaltungen und Politiker tun es und jetzt die Einwohner in der südwestfranzösischen Provinz. Es geht um Videokonferenzen unter der Corona-Ausgangssperre. In Flaujagues, wo ein Bürgerverein seit zwei Jahren für mehr Gemeinsinn und Gemeinschaft sorgt, schalten sich die Mitglieder jetzt wöchentlich zu einer großen Videokonferenz zusammen. Unter dem Motto „chacun chez-soi“ (jeder zuhause) frönen sie trotzig einer urfranzösischen Gemütlichkeitsübung – dem Apéro. Es geht um den Aperitif, der für Franzosen mehr als ein kulinarisches Vorgeplänkel zur Hauptmahlzeit ist. Er ist Kult, er ist das Pendant zum deutschen Kaffeeklatsch, nur herzhaft, mit alkoholhaltigen Getränken und zumeist am frühen Abend.

Ein virtuelles Prost zum Trost

In Flaujagues fand ein monatlicher Apéro vorm Gemeindesaal direkt am Ufer der Dordogne statt. Jetzt geht das Dorf bei Bordeaux jeden Sonnabend online und prostet sich im Livestream zu. Die Software Framalink macht‘s möglich. „Das behalten wir bis zum Ende der Ausgangssperre bei“, lässt der Vereinschef verlauten. Wo sonst jeder etwas für das Buffet mitbrachte und damit für einen große Auswahl an Häppchen und Tröpfchen beitrug, muss jeder auf eigene Vorräte zurückgreifen. Ein „à votre santé“, auf eure Gesundheit, steht heute für mehr.

Setzpflanzen in Chatrooms ordern

Mit Messenger-Diensten werden lokale Chatrooms per Smartphone für die drei Ortsteile geschmiedet, für die Viviane, Diane und Marion als Koordinatoren bereitstehen. Sie sprechen Gruppeneinkäufe und Hauslieferservice ab, kommunizieren mit Bio-Produzenten von Gemüse und Fleisch und helfen beim Ordern von Setzpflanzen für Hausgärten bei regionalen Gartenbetrieben. Die Homepage des Vereins „la Flaujaguaise“ bietet sich als Plattform für Ideen an, um Fotos, Videos, Erinnerungen, Geschichten, Rezepte … auszutauschen, Nachbarschaftshilfe zu organisieren, Optimismus zu verbreiten. Alles im Kampf gegen Angst, Einsamkeit, Schwermut und Langeweile unter der Ausgangssperre.
Frankreich leidet unter Covid-19 bisher wesentlich stärker als Deutschland und kontrolliert die Einhaltung der Ausgangsbeschränkungen besonders streng. Diese Praxis soll bis 11. Mai dauern, hat die Regierung verfügt. Danach sollen das öffentliche Leben und die Wirtschaft langsam wieder hochgefahren werden. Dafür ist eine begleitende Maskenpflicht für Nahverkehr und Geschäfte im Gespräch. Für diese Zeit danach gibt es keine heiligen Kühe: Auch über den 11. Mai hinaus bleiben Einrichtungen mit Publikumsverkehr – Restaurants, Cafés, Hotels, Kinos, Theater, Konzertsäle und Museen – geschlossen. Bis Mitte Juli fallen alle Festivals aus. Der Start zur 107. Auflage der „Tour de France“ wurde von ursprünglich 27. Juni auf den 29. August verlegt.

Knallharte Kontrollen, hohe Bußgelder

Landesweit gilt, maximal eine Stunde spazieren - allein, mit Partner, mit den eigenen Kindern oder dem Hund im Umkreis von einem Kilometer rund ums eigene Heim. Manche Orte haben die Parkbänke abgebaut, der Badeort Biarritz im Südwesten beschränkt das Verschnaufen auf einer Bank auf zwei Minuten. Niemand darf ohne Ausweispapiere und einen selbstgefertigten Passierschein ins Freie. Letzteren gibt’s im Internet, Gründe für den Freigang sind überschaubar.
Ausgangssperre heißt im Französischen „confinement“ (sprich: kongfinmong) klingt für deutsche Ohren recht zivilisiert, doch es geht knallhart zu. Die Bußgelder wurden bereits dreimal verschärft. Sie beginnen bei 135 Euro. Das Strafgeld erhöht sich im Wiederholungsfall (innerhalb von 15 Tagen) auf 200 Euro und das auf 450 €, wenn es nicht zügig bezahlt wird. Wer mehr als dreimal innerhalb von 30 Tagen gegen die Regeln verstößt, wird als Straftäter behandelt: sechs Monate Haft, eine Geldstrafe von 3750 Euro und gemeinnützige Arbeit.

Ein Sommernachtstraum zum guten Ende

Die Reaktion vom Verein in Flaujagues: „Leute, haltet die Verbindung und bleibt in Kontakt.“ Wenn alles vorbei ist, plant der 150 Mitglieder zählende Klub ein großes öffentliches Fest mit Freudenfeuer, Feuerwerk und Tanz. Ein Sommernachtstraum. (kuhrhaus)

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